Die Berufschulstufe

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1. Einleitung


Bedingt durch die unterschiedlich lange Schulbesuchsdauer kann die Altersspanne in den Klassen der Berufschulstufe zwischen 16 und über 20 Jahren liegen. Auch hinsichtlich dem Grad und der Art ihrer Einschränkungen ist die Schülerschaft der Werkstufenklassen heterogen. Junge Erwachsene mit umfassenden Behinderungen werden integrativ unterrichtet, wenn sie von diesem Angebot profitieren können. Es können auch Klassen gebildet werden, in denen ausschließlich Schüler/innen mit umfassender Behinderung unterrichtet werden.


Schüler/innen, die über sich selbst und ihre Situation als Menschen mit Behinderung nachdenken - und sich dazu äußern können, bringen ihre Wünsche, Erwartungen und Ansprüche teilweise deutlich zum Ausdruck. Das können bestimmte Zukunftswünsche und -vorstellungen im Sinne eines Lebensplans sein, die z.B. das Wohnen außerhalb des Elternhauses oder das Arbeiten an bestimmten Orten betreffen. Die Ansprüche bestehen aber auch dann, wenn sich der Mensch mit Behinderung dessen nicht - oder noch nicht bewusst ist.


In mindestens einmal jährlich stattfindenden, gemeinsamen Positionsgesprächen mit Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen werden die für jeden Schüler individuell erarbeiteten Ziele immer wieder überprüft, ggf. angepasst und in einem Gesprächsprotokoll festgehalten.

Aus dem Lebensalter ergeben sich im Unterricht der Berufschulstufe Schwerpunkte, die für alle Schüler/innen zentral sind:

  • Arbeit/Beruf,
  • Wohnen/Freizeit,
  • Freundschaft/Partnerschaft/Sexualität,
  • Umwelt/Öffentlichkeit/Mobilität.

 

tl_files/fvbschule/Bilder/Dessert.jpgSie beziehen sich verstärkt auf die Erfordernisse und die Möglichkeiten, die in der Lebens- und Arbeitswelt erwachsener junger Menschen mit Behinderung gegeben sind. Die Förderschwerpunkte sind übergreifend und themenunabhängig eng gebunden an das Fördern, Stützen und Stärken der Ich-Identität des Menschen mit Behinderung, durch selbst bestimmtes, verantwortliches Handeln, wahrnehmen und akzeptieren eigener Grenzen und Möglichkeiten und der Teilhabe, Orientierung und Betätigung am/im sozialen Leben, wodurch eine individuelle Lebensgestaltung im sozialen Umfeld angestrebt werden soll. Unter dem Gesichtspunkt des Normalisierungsprinzips ist es grundsätzlich wichtig, die Schüler/innen unserer Schule, unabhängig vom Bildungsplan, ab dem Alter von 18 Jahren mit „Sie" und Nachnamen anzusprechen. Dies dient zum Einen der Vorbereitung auf eine gesellschaftlich akzeptable Verhaltensweise unserer Schüler/innen, zum Anderen wird die Achtung der Schüler/innen als junge Erwachsene deutlich gemacht. Diese Regelung wollen wir soweit möglich für alle Schüler/innen anwenden, auch wenn ihre Möglichkeit zur Kommunikation stark eingeschränkt ist.

 

Für die methodisch-didaktische Gestaltung des Unterrichts bedeutet dies:

  • Die Schüler/innen sind in die Planung des Unterrichts mit einbezogen, d.h. an der Auswahl der Lernangebote beteiligt,
  • Die Inhalte sind realitätsnah, d.h. entsprechen der Lebenswirklichkeit einzelner oder aller Schüler/innen,
  • Projektorientierter Unterricht, Erkundungen, Praktika als vorherrschende Unterrichtsformen,
  • Verstärkte Nutzung von Lernorten außerhalb der Schule.

 


2. Inhalte

a. Arbeit

In diesem Lernbereich verfolgt die Berufschulstufe das Ziel, die Schüler/innen auf ihr berufsbezogenes Arbeitsleben vorzubereiten. Im Sinne einer beruflichen Grundbildung werden den Schüler/innen vor allem praktische Basisfähigkeiten und personale und soziale Schlüsselqualifikationen vermittelt.
Dies erfolgt vorwiegend im Rahmen von Arbeitsprojekten, Betriebserkundungen und Betriebspraktika.

Entsprechend der individuellen Fähigkeiten soll sich die Auswahl der Betriebe nicht nur auf Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) beschränken, sondern auch Möglichkeiten des allgemeinen Arbeitsmarkts in Betracht ziehen.

Die individuelle Berufswegeplanung erfolgt in der Berufswegekonferenz (BWK). Diese findet jährlich mit Schüler/innen, deren Eltern, Lehrer/innen, der Agentur für Arbeit, dem Integrationsfachdienst (IFD), Trägern der Eingliederungshilfe und ggf. weiteren Akteuren (WfBM, Bildungsträger, etc.) statt.


b. Wohnen/Freizeit

Das Übernachten außerhalb des familiären Bereichs, die Teilnahme an mehrtägigen Schullandheimen und Selbstversorgertagen mit ihren vielfältigen Erfahrungs- und Betätigungsmöglichkeiten werden als reichhaltige Lernfelder genutzt.

Neben dem Bereich Wohnen bietet auch der Bereich Freizeit ein breites Lernfeld. Deshalb muss die Werkstufe Lernangebote bereithalten, die sich so weit wie möglich an der künftigen Lebensrealität der jungen Menschen orientieren. Es geht dabei sowohl um Möglichkeiten zur selbständigen Nutzung allgemeiner Freizeitangebote als auch um die Inanspruchnahme speziell zugeschnittener Angebote.

In erster Linie geht es um die Befähigung der Schüler/innen zum Entdecken und Äußern eigener Bedürfnisse und das Auswählen entsprechender Möglichkeiten.

 

 

c. Freundschaft/Partnerschaft/Sexualität

Der Wunsch nach Freundschaft und Partnerschaft ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ob und wie diesem entsprochen wird, hat großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl, das Selbstbild und die personale Identität eines Menschen; und diese beeinflussen wiederum in hohem Maße die Erwartungen, Zugehens- und Handlungsweisen gegenüber Anderen. Deshalb ist die Stabilisierung der persönlichen Identität der Schüler/innen - einschließlich des Annehmens ihrer eigenen Grenzen und des Umgangs mit ihnen - auch in diesem Zusammenhang ein Anliegen des Unterrichts.


Die Werkstufe hat die Schüler/innen bei der Entwicklung und Entfaltung ihres Sozialverhaltens in Zusammenarbeit mit den Eltern so zu unterstützen und zu fördern, dass ihnen die Aufnahme von Kontakten und das Eingehen und Pflegen menschlicher Beziehungen im Rahmen von Partnerschaften (Freundschaften, Liebesbeziehungen) ermöglicht oder erleichtert wird. Als wünschenswerte Fähigkeiten sind vor allem anzustreben:

  • angemessene Kontakt- und Umgangsformen,
  • wahren situations- angemessener Distanz,
  • einfühlen in die Situation und Befindlichkeit des/der Anderen, ihm/ihr zuhören,
  • eigene Bedürfnisse und Interessen zum Ausdruck bringen,
  • die Interessen, Wünsche und Gedanken des/der Anderen respektieren,
  • Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit,
  • äußeres Erscheinungsbild/Aussehen.



d. Mobilität/Umwelt/Öffentlichkeit


Inwieweit ein Mensch sich seine Lebensumwelt selbständig erschließen kann, hängt unter anderem vom Grad seiner Mobilität ab. Diese Selbständigkeit ist für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung sowohl subjektiv als auch objektiv sehr bedeutsam: sie stärkt einerseits die Selbstsicherheit und das Selbstwertgefühl und andererseits erleichtert sie die Zugänge zu privaten, beruflichen und öffentlichen Lebensbereichen.

In der Werkstufe gibt es deshalb u.a. - je nach individuellem Bedarf und individuellen Möglichkeiten - folgende bedeutsame Lerninhalte:

  • die räumliche Orientierung in relevanter Umgebung,
  • das Benutzen von Fußgängerüberwegen, Rolltreppen, Aufzügen,
  • das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln,
  • das Organisieren von Fahrdiensten.

Umwelt und Öffentlichkeit sind als Lernfeld ebenfalls von großer Bedeutung. Hier sind Teilbereiche genannt, die für den Unterricht in der Werkstufe besonders wichtig erscheinen:

  • eigenes Verhalten und Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit,
  • Öffentliche Einrichtungen wie Behörden und Ämter (z.B. Agentur für Arbeit, Einwohnermeldeamt), Banken (Trainingskonto), Polizei, Arztbesuch, Geschäfte, Restaurants , Friseur,
  • Kulturelle Einrichtungen und Freizeitstätten wie Kirchen, Museen, Kinos, Sportplätze,
  • Politische Organe (wie Parlament, Orts- und Kreisräte),
  • Gesundheitsvorsorge/Maßnahmen zur Gesunderhaltung der eigenen Person,
  • Kaufwunsch und Kaufwert in Beziehung zum vorhandenen Geld setzen.