Friedrich von Bodelschwingh-Schule Ulm > Schulkonzept > Schüler mit umfassender Behinderung

Unterricht mit SchülerInnen mit umfassender Behinderung an der Friedrich von Bodelschwingh-Schule


1. Einleitung

 

Innerhalb unserer Schule werden Schüler/innen mit umfassender Behinderung sowohl in jahrgangsübergreifenden, leistungshomogenen Klassen (d.h. in diesen Klassen sind ausschließlich Schüler/innen mit umfassender Behinderung) als auch - beginnend mit der Unterstufe - in leistungsheterogenen Jahrgangsklassen (d.h. alle Schüler/innen eines Jahrgangs sind in einer Klasse) unterrichtet.


Alle Menschen sind Wesen, die die Fähigkeit des Fühlens, des Kommunizierens, des Denkens und des Wollens besitzen. Sind uns diese Fähigkeiten bei den uns anvertrauten Schüler/innen mit umfassender Behinderung nur begrenzt sichtbar, so wissen wir doch, dass diese Schüler/innen über die oben genannten Fähigkeiten verfügen. Menschen mit umfassender Behinderung haben - oft verdeckt durch vielfältige Einschränkungen in den verschiedenen Entwicklungsbereichen, gleichermaßen Stärken und individuelle Interessen, die es im täglichen gemeinsamen Tun zu wecken und fördern gilt; der Hilfebedarf ist wesentlich umfassender.

Im Unterricht bedeutet dies, dass jede/r Schüler/in mit umfassender Behinderung als individuelle Persönlichkeit gesehen und im Schulalltag in einem Prozess der gegenseitigen Annäherung im Dialog als solche angesprochen wird. Nur so kann es zu einem pädagogisch sinnvollen Handeln im Unterricht kommen.


Eine Definition des Begriffs „umfassende Behinderung" ist kaum zu leisten; daher wird im folgenden Absatz versucht, den Begriff zu umschreiben.

Die Zuordnung von Schüler/innen zur Gruppe der „Schüler mit umfassender Behinderung" (früher: zur Gruppe „schwerstmehrfach-behinderter Schüler") bietet lediglich eine Verständigungshilfe an, um den Grad und das Ausmaß der Behinderung annäherungsweise zu verdeutlichen. Bei einer umfassenden Behinderung besteht in der Regel eine erhebliche Einschränkung der Erlebens-, Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten in mehreren der folgenden Bereiche:

  • Motorik
  • Verarbeitung von Sinnesreizen
  • Kommunikation
  • Kognition
  • Teilnahme an sozialer Interaktion


Zusätzlich können weitere mögliche Krankheitszustände (z.B. Epilepsie) vorliegen.

Ein weiteres Merkmal für eine umfassende Behinderung ist der hohe Grad an Hilfs- und Pflegebedürftigkeit bei allen alltäglichen Verrichtungen wie z.B. der Nahrungsaufnahme oder dem Toilettenbesuch.

Auf Grund der genannten Merkmale für eine umfassende Behinderung besteht ein erhöhter Bedarf an individueller Förderung und an Hilfen, um den Schüler/innen die Teilnahme am Zusammenleben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Im Folgenden ist zur Verdeutlichung des Personenkreises noch beispielhaft eine Schülerbeschreibung angefügt.


2. Bildung, Erziehung und Förderung von Schüler/innen mit umfassender Behinderung


Da das Recht auf schulische Bildung, Erziehung und Förderung in gleicher Weise für alle Kinder besteht, haben Kinder und Jugendliche mit umfassender Behinderung ein Recht auf eine ihrer Begabung entsprechenden Erziehung und Ausbildung (vgl. Schulgesetz §1und §15). Umfassend behinderte Schüler/innen sind zum Besuch der für sie geeigneten Sonderschule - in der Regel ist dies die Schule für Körperbehinderte - verpflichtet (Schg. §82). Sie haben ein Anrecht auf mindestens 12 Schulbesuchsjahre (vgl. Schg. §83); es besteht die Möglichkeit zur Verlängerung der einzelnen Stufen innerhalb der Schulzeit.

Die Grundlage unserer pädagogischen Arbeit mit Schüler/innen mit umfassender Behinderung ist der Bildungsplan der Schule für Geistigbehinderte (SfG).


3. Leitlinien und Ziele


In der Arbeit mit den Schüler/innen geht es uns neben individuellen Lernzielen und dem Aufbau eines basalen Verständnisses ihrer personalen wie materialen Umwelt in bedeutungs- und sinnvollen Zusammenhängen darum, in ihnen die Lust auf eine aktive Teilhabe am Leben zu erhalten bzw. zu wecken. In Lebensabschnitten der Stagnation und Rückwärtsentwicklung begleiten wir sie liebe- und respektvoll.

In der Arbeit mit den uns anvertrauten Schüler/innen mit umfassender Behinderung ist interdisziplinäres Arbeiten (Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen) im Team von zentraler Bedeutung. Dies ist in besonderem Maße in den stark eingeschränkten kommunikativen Möglichkeiten der Schüler/innen wie auch der Schwere der körperlichen Einschränkung begründet. Denn jeder Mitarbeiter trägt durch seine Informationen zum möglichst umfassenden und mehrdimensionalen Gesamtbild des Schülers bei.


3.1. Selbständigkeit und Selbstbestimmung/Lebensbewältigung

Selbständigkeit von Schüler/innen mit umfassender Behinderung wird in kleinen/kleinsten Teilbereichen ermöglicht, indem wir Unterrichtssituationen so gestalten, dass individuelle Bewegungs-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten der Schüler/innen zur Entfaltung und zum Einsatz kommen können. Es geht dabei nicht nur um bloßes Erleben, Erfahren und Dabei sein, sondern immer wieder um die aktive Teilhabe und Mitgestaltung im unterrichtlichen Alltag.


3.2. Soziale Handlungskompetenz

In den verschiedenen Lern- und Lebensfeldern ist es in der Regel das Klassenteam, welches in Wechselwirkung mit den Schüler/innen jeweils die Umwelt adäquat strukturiert und Atmosphäre für die gemeinsame Lernanlässe und Lebenszeit schafft. Die Mitarbeiter/innen schaffen die Grundlagen für soziales Lernen / soziale Handlungskompetenz, beispielsweise schon, indem sie Schüler/innen durch entsprechende Lagerungen (mit Blick- bzw. Körperkontaktmöglichkeiten) Vorraussetzungen für Kontaktaufnahme ermöglichen. In Klassen mit heterogener Schülerschaft werden vielfältige Kontaktmöglichkeiten angebahnt und gefördert.

Schulische Begegnungsräume, wie gemeinsame Pausen, jahreszeitliche Feste und Feiern, Klassenpatenschaften sind wichtige Möglichkeiten des sozialen Miteinanders innerhalb der Schulgemeinschaft.

Es ist uns auch Ziel, „offene, flexible Haltung" zu fördern, um die Schüler/innen zu befähigen, sich auf unterschiedliche Personen einzulassen.


3.3. Vorbereitung auf nachschulisches Leben

Während der Berufschulstufenzeit (3-5 Jahre) in der Schule finden individuelle Praktika in den Förder- und Betreuungsgruppen und Trainingswohnen (Leben + Wohnen in nicht häuslichem Umfeld) statt.

Das nachschulische Leben für Schüler/innen mit umfassender Behinderung findet in der Regel in der Förder- und Betreuungsgruppe (FuB) der Werkstätte, aber auch in Tagesstätte oder Heim statt (und es bedeutet ein „Leben ohne Arbeit" im herkömmlichen Sinn).


4. Grundsätzliche Inhalte des Unterrichts

  • Bewegungsförderung
  • Förderung und Verarbeitung von Sinnesreizen
  • Kommunikation
  • Vermittlung kognitiver Inhalte
  • Pflege und Hilfen im Alltag (Förderpflege/ Essen und Trinken)